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30 Mai 2020

Natur und Permakultur 4: Hausverwaldung statt Hausverwaltung – Der senkrechte Garten


Lassen Sie klettern. Denn ist Ihr Garten auch klein, so ist er doch hoch! Ein Einblick in die vielfältigen Möglichkeiten der Klettergärten

von Marlies Ortner

 

Unvorstellbar groß ist die Fläche, die die senkrechten Außenwände der Gebäude einer Stadt bilden. Ebenso groß könnten die Veränderungen sein, die eine Begrünung dieser Flächen (und der Dächer) in Gang setzt:

Klimaänderung: Die Gebäude in der Stadt heizen sich untertags weniger auf, der “Backofeneffekt” ist vermindert, Regenwasser wird zurückgehalten, auch in der Stadt kommt es zu Grundwasserneubildung (und nicht nur zum Verbrauch “fremden” Grundwassers).

Staubfilter, Sauerstoffanreicherung und Entgiftung: Lebende Pflanzen mit ihren großen Blattoberflächen vermögen Staub (Diesel-Fahrzeuge!) aus der Luft zu filtern. Weniger Staub bedeutet auch weniger Nebel und weniger häufig eine Dunstglocke – also weniger Smog und weniger Feinstaubbelastung. Die Pflanzen betätigen sich als “Grüne Lunge”, produzieren Sauerstoff und verwerten das in der Stadt überreichlich vorhandene Kohlendioxid. Der unversiegelte Boden, aus dem die Pflanzen wachsen, arbeitet mit seinen Mikroorganismen am Abbau von allen möglichen Giften, zB am Abbau von Benzol, das ohne Pause aus den Autotanks der Benzin-Fahrzeuge, auch aus den stehenden Autos, entweicht, baut Humus auf und wirkt als CO2-Senke.

Ökologische Qualität: Alles, was klettern und/oder fliegen kann, wird die senkrechten Gärten besuchen und bewohnen: vor allem Schmetterlinge, Singvögel und eine Vielzahl an Insekten, die die Nahrungsgrundlage für die Jungvögel bilden. Neue Lebens- und Erlebnisräume entstehen – direkt vor den Büro-Fenstern.

Lebensqualität für Menschen: Drinnen in den begrünten Häusern werden die Temperaturextreme gemildert: Im Sommer bleibt es kühler, im Winter ist es wärmer. Die Begrünung wirkt wie eine zusätzliche “Haut”.
Die Pflanzen sparen aber nicht nur Kosten und Umweltverbrauch beim Heizen und Kühlen, sondern spenden auch einen angenehmen, entspannenden Anblick. Vielleicht ist die häufige Flucht aus der Stadt für manche nicht mehr notwendig, wenn die Stadt wieder wohnlicher “bekleidet” ist und hässlicher, abweisender Beton unter lebendigen Kleidern verschwindet.
Die Hausfassade kann für den “landlosen Stadtmenschen” außerdem zum Ort für das “Gärtnern ohne Garten” werden, Gartensehnsüchte stillen und permakulturelle Selbstversorgung in Gang setzen.

Welche Pflanzen auf welcher Seite? Auf der Nord- und Ostfassade des Hauses ist ein dichtes pflanzliches Winterkleid erwünscht. Daher werden immergrüne Kletterpflanzen, das sind Efeu, Spindelstrauch, Winterjasmin und Zwergmispel, verwendet. Die Süd- und Westfassade dagegen soll von der Wintersonne erreicht werden. Daher sind hier Laub abwerfende Pflanzen (z.B. Weinreben) zu bevorzugen.

Welche Pflanzen wachsen aus welchem Boden? Langlebige, hoch wachsende Kletterer brauchen Platz, um ihre Wurzeln entfalten zu können, Wasser (Regen- oder Grundwasser), Luft im Boden und Nährstoffe. Oft genügt es, am richtigen Ort (meist außerhalb der Dachtraufe!) ein kleines Stück Boden zu entsiegeln, und schon kann die “Hausverwaldung” beginnen.

Klettertechnik und Kletterhilfen: Die Echten Kletterer heften sich mit Haftwurzeln oder Haftscheiben am Untergrund fest (Efeu oder Wilder Wein). Sie brauchen daher kaum Kletterhilfen, außer wenn zwischen ihnen und der Wand ein Abstand eingehalten werden soll. Dafür eignen sich Gitter- und Netzstrukturen, z.B. Baustahlmatten.
Die Ranker wickeln spezielle Sprossen um einen Draht, einen Stab oder eine Latte (z.B. Kürbis, Clematis). Ranker bevorzugen eine netzartige Gerüststruktur.
Die Spreizklimmer verspreizen ihre Triebe mit Hilfe von Dornen, Seitensprossen oder Klimmhaaren und schieben sich so hoch (z.B. Rosen, Brombeeren). Sie schätzen horizontale Kletterhilfen aus stabilen Latten.
Die Schlinger machen mit ihren Triebspitzen kreisende Bewegungen (!), bis sie eine Struktur finden, die sie umwinden können (z.B. Bohne, Hopfen, Geißblatt). Sie freuen sich über senkrechte Rankhilfen wie Stangen, Drähte, Stäbe und Seile.

Kleine Kletterpflanzen-Kunde

A. Heimische Kletterpflanzen, mehrjährig

  • Alpenwaldrebe, Clematis alpina. Zierlicher Kletterstrauch, Schlinger, schöne große blaue Glockenblüten, hübsche Früchte. Halbschattig, nicht zu heiß, humoser Boden, bis über 2000 m, mehrjährig, bis 3 m.
  • Brombeere, Wilde, Rubus fruticosus. Spreizklimmer, 2-5 m hoch, mehrjährig, starke Dornen, sehr wüchsig, Sonne liebend, nährstoffreicher Boden, hübsche Blüten, schöne Herbstfärbung, Blätter für Tee, jährlich schneiden für Fruchternte.
  • Efeu, Hedera helix. Selbstkletterer, immergrün, bis 25 m, langsam wüchsig und sehr langlebig, giftig, Arzneipflanze, gelbgrüne Blüten von August bis Oktober ab dem 8. Lebensjahr, Bienenweide, blauschwarze Beeren im nächsten Frühjahr. Für warme, (halb)schattige Standorte, auch als Bodendecker geeignet.
  • Hopfen, Gemeiner, Humulus lupulus. Kletterstaude. Zieht im Herbst ein und treibt im Frühjahr wieder aus, schnellwüchsiger Schlinger, bis 10 m, braucht frisch-feuchten Boden, halbschattige Lage, hübsche Blätter und Früchte, Heilpflanze.
  • Jelängerjelieber, Lonicera caprifolium. Schlinger, bis 5 m, kalkhaltige Lehmböden, halbschattig, gelbe abends duftende Trompetenblüten, Weide für Nacht- und Tagschmetterlinge, dunkelrote giftverdächtige Beeren, Vogel-nahrung.
  • Nachtschatten, Bitterer, Solanum dulcamara. Rankende Staude, bis 1,5 m, giftig, hübsche gelb-lila Blütchen, rote Beeren, braucht feuchten nährstoffreichen Boden, Halbschatten
  • Vogelwicke, Vicia cracca. Rankende Staude, bis 1,5 m, lila Blüten, frischer nährstoffreicher Boden, wertvoll für Schmetterlinge.
  • Waldgeißblatt, Lonicera periclymenum. Schlinger, bis 5 m, für Halbschatten und saure Böden. Duftende große gelblich-purpurne Trompetenblüten, giftige hellrote Beeren. Wichtig für Nacht- und einige Tagfalter, Vogelnahrung.
  • Waldrebe, Gemeine, Clematis vitalba. Kräftig wuchernde lianenartige Kletterpflanze, bis 10 m, hübsche weiß-gelbe Blütensterne, silbrig-seidene “Schöpfe” als Flugeinrichtung auf den Früchten, Wärme liebend und lichthungrig, bedeckt und verdeckt in kurzer Zeit alles, was versteckt werden soll. Guter Vogelnistplatz. Gerfährlich für schwächer wüchsige Pflanzen!
  • Weinrebe, Echte wilde, Vitis vinifera. Bis 20 m, heimische Pflanze der warmen Auen, trägt kleine essbare blaue Weinbeeren, sehr robust, Sonne liebend, braucht humosen Boden, Rückschnitt nicht unbedingt notwendig
  • Zaunwinde. Calystegia sp. Schlinger mit großen rein weißen Trichterblüten, bis 2 m hohe Staude, nährstoffreicher Boden, bildet hübsches dachziegelartiges Blattmuster. Vorsicht in kultiviertem Boden: wuchert.

Mit heimischen Kletterern allein kann man eine Stadt wahrscheinlich nicht verwalden – auch wenn sie den ökologisch wertvollsten Beitrag liefern. Wir brauchen auch Kletterkürbisse, Echten Wein, Kiwi, Blauregen, Kreismännchen , Gurken, Kalebassen und Spalierobst.

 

B. Nicht-heimische robuste Klettergehölze

Unter Ziersträuchern versteht man nicht heimische und/oder züchterisch veränderte Arten/Sorten, die ökologisch nur begrenzten Wert haben, aber oft wegen ihrer Blüten oder interessanten Gestalt geliebt bzw. traditionell in Gärten verwendet werden.
Einige sind recht robust, bieten Insekten und auch Vögeln Nahrung und sind „Hecken-tauglich“. Z.B.

  • Bauernrose, Rosa sp.
    Kletternde, raschwüchsige, robuste Pflanze, rote, rosa oder weiße kleine gefüllte Blüten, duftend, liebt Sonne und guten Luftdurchzug. Spreizklimmer. Wächst lieber in der Hecke als an einer windstillen Mauer. Wird aus Stecklingen vermehrt und nicht veredelt, trägt aber meist keine Früchte. Ebenso sind andere kletternde nicht-heimische Wildrosen zu sehen, die frosthart genug sind
  • Clematis, Waldrebe, Clematis montana
    (Wildform und Gartensorten). Heimat Asien. Windende Kletterpflanze ohne Ansprüche, halbschattige Lage, „kühler Fuß“! Zarte aber reichliche Blüten weiß bis rosa im Spätfrühling. Dagegen sind Clematis-Hybriden mit ihren „plakativen“ Blüten für den naturnahen Garten vielleicht zu aufdringlich.
  • Geißblatt, Lonicera
    Heimat dieses Zierstrauchs ist China. Sehr wüchsiger Schlinger, schöne duftende Blüten, sonnig bis halbschattig, düngen. Giftige Beeren. (Heimisches Geißblatt siehe oben)
  • Trompetenwein, Campsis radicans
    Heimat Amerika. Rote Trompetenblüten im Frühsommer, windende Kletterpflanze, Sonne und Wärme liebend, gut Hecken-tauglich.
  • Wilder Wein, Fünffingriger, Jungfernrebe, Parthenocissus quinquefolia
    Heimat Amerika. Schöne Herbstfärbung, giftige Beeren, klettert selbst mit Haftscheiben. Achtung, in warmen Gegenden unausrottbarer Neophyt. Klettert auf Bäume und nimmt alle naturnahen Waldränder in Beschlag! Seine Pflanzung wird daher nicht mehr empfohlen.
  • Winterjasmin, Jasminum nudiflorum
    Aus China. Klettert gerne (Spreizklimmer), braucht geschützten Platz, blüht gelb und duftend im Vorfrühling.
  • Wistera, Glyzinie, Blauregen, Wistera sinensis
    Heimat China. Sehr wüchsige windende Kletterpflanze, blüht mit blaulila Trauben im Frühling, traditionelle Zierpflanze im Hofbereich. Braucht tragfähige Kletterhilfe. „Erwürgt“ andere Pflanzen und Dachrinnen. Von Holzbienen besucht. Giftige dekorative Hülsenfrüchte.

Zu Obstpflanzen für Fassaden wie Echter Wein, Kiwi und Spalierobst, siehe Literatur

 

C. Bekletterte Zäune

Wenn der zur Verfügung stehende Streifen für eine kletternde Hecke zu schmal ist, kann man als Sichtschutz und Abgrenzung an der Gartengrenze einen geschlossenen Bretterzaun mit und ohne Rankhilfe oder ein hölzernes Rankgerüst oder einen kräftigen Maschendrahtzaun in der gewünschten Höhe errichten und „beklettern“ lassen.

„Selbstkletterer“ für den geschlossenen Bretterzaun, die keine Rankhilfe benötigen und kaum in die Breite wachsen, sind:

  • Efeu, Hedera helix
  • Jungfernrebe, Fünffingriger Wilder Wein (Neophyt! Siehe oben)
  • Kletterhortensie, Hydrangea anomala
    Mauerkatze, Echter Wilder Wein, Parthenocissus tricuspidata

Schmal bleibende Kletterpflanzen, die eine Rankhilfe benötigen und die man beliebig oft in Form schneiden kann, sind:

  • Clematis, Clematis montana (siehe oben)
  • Hopfen, Gemeiner, Humulus lupulus (heimisch, für die Schattseite)
  • Waldrebe, Gemeine, Clematis vitalba (heimisch und als sehr wüchsig bekannt)
  • Trompetenwein, Campsis radicans (siehe oben)
  • Zaunwinde, Vicia sepium (krautig; heimisch und als “Unkraut” im Maisbau bekannt)

Einjährige Kletterer – sie brauchen alle eine Rankhilfe – eignen sich für die ersten Jahre, bis die Mehrjährigen groß genug sind:

  • Kreismännchen, Cyclanthera pedata. Kürbisgewächs auch für nasskaltes Klima
  • Erbsen, hochwüchsige Sorten
  • Stangenbohnen und Feuerbohnen (Käferbohnen)
  • Flaschenkürbisse (Kalebassen), Kürbisse mit kleinen Früchten (Zier- und Speisekürbisse)
  • Gurken
  • Kapuzinerkresse
  • Schwarzäugige Susanne
  • Tomaten, eintriebig gezogen, an einer Schnur als Rankhilfe, oder durch den Maschendrahtzaun geflochten
  • Wicken, vor allem die duftende Edelwicke
  • Gartenwinde, Prunkwinde, Kaiserwinde, …

 

D. Weidenzaun

Wer keinen massiven Zaun errichten möchte, baut mit meist kostenlosen Weidenstämmen, -ästen und –stecklingen. Als Steher dienen Stücke von starken Ästen und Stämmen, verflochten wird mit dünneren Ästen und Ruten.

Frisch geschnittene (oder eingewässerte) Stecklinge werden zumindest zum Teil wieder austreiben und den Zaun begrünen.
Die sich neu bildenden Ästchen kann man entweder in den Zaun hinein verflechten oder nach Bedarf zurück schneiden.

Trockene Weidenäste werden nicht austreiben. Ein Zaun aus solchem Material bleibt einige Jahre in der gewünschten Form und bietet Kletterpflanzen (siehe oben) eine gute Rankhilfe.

Der Bau eines lebendigen Weidenzauns ist einfach und zu jeder Jahreszeit möglich, außer wenn der Boden gefroren ist. Für die Steher werden – am einfachsten mit dem „Bohnenstangen-Setzstange“ oder einem Erdbohrer – 30 cm tiefe Löcher in den Boden getrieben und die Weidenstämme hinein gesetzt.

Mit allen heimischen Weidenarten kann man Zäune bauen. Am biegsamsten ist jedoch die Korbweide.
Weiden findet man bei alten Bauernhöfen (immer wieder geschnittene Kopfweiden), an feuchten Wiesen, evtl. an Waldrändern und am Bach- und Flussufer. Meist geben die Besitzer/innen gerne ihre Einwilligung, wenn man Weidenäste abschneiden will.
„Schonzeit“ haben die Weiden aber während der Blütezeit im Vorfrühling – sie sind wichtige Bienennahrung!

Ein Weidenzaun ist ein sehr lebendiges Gartenelement und kann einen ungeliebten Maschendrahtzaun verstecken helfen.



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